Ich höre das öfters von unseren Kunden: „ Mein Kind will nicht getragen werden!“ – warum das so sein kann, versuche ich in diesem Blogbeitrag zu erörtern.

Das Babytragen ist ein komplexes Thema. Ein Zusammenspiel von unterschiedlichen familiären Charakteren, von Ereignissen, von physischen und psychischen Aspekten.

Grundsätzlich will aber jedes Kind nahe am Körper seiner Bezugspersonen sein, das sagt Ihm sein Urinstinkt. Da unterscheiden sich unsere Millenium Babies kaum von den Babies der Steinzeit. Sie kommen so unreif und alleine überlebensunfähig auf die Welt und verdeutlichen uns Ihre Grundbedürfnisse so unverblümt, dass es oft erschreckend sein kann!

Essen, Schlafen, Ausscheidungen – aber das ist nicht alles, wie sollte das auch gehen?! Wir alle sind empfindsame Wesen; zu unseren Grundbedürfnissen zählen ebenso Gefühle wie Sicherheit, Geborgenheit, Verständnis, Trost und Körperwärme, wie jene, die für eine reibungslose körperliche Entwicklung nötig sind.

Pysische Gründe

Eine geburtsbedingte Verspannung, häufig im oberen Wirbelbereich, kann auf Gegenwehr beim Festziehen der Babytrage oder beim Tragetuch hervorrufen und somit den Eindruck vermitteln, dass das Baby nicht getragen werden will.

Mein persönlicher Tipp:

Es ist immer ratsam, nach der Geburt einen Osteopathen aufzusuchen, auch nur um abzuklären, dass es keine körperlichen Hindernisse gibt. Dabei sollte man einen Osteopathen wählen, welcher entweder auf Babies/Kinder spezialisiert ist oder bereits damit Erfahrung hat.

Mehr Aussicht

Aussagen wie:

“ Ich habe gehört, dass man früh mit dem Babytragen anfangen soll, denn ansonsten gewöhnen sie sich nicht mehr an das Tragen!“

Oder

„ Zu Beginn war das Babytragen super, aber jetzt mit 3 Monaten mag er nicht mehr getragen werden!“

Dies sind zwei Aussagen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten – trotzdem gilt für beide dieselbe Erklärung und würde von Ihrem Schützling wie folgt klingen: „Mama, ich möchte mehr Aussicht haben!“

Es ist der erste Schritt von unseren Kleinen, sich mehr Freiheit zu erkämpfen, durch einen größeren Sichtradius, das heißt aber noch lange nicht, dass das Baby die Nähe nicht mehr mag oder gar nicht mehr genießt.

Viele Eltern würden in diesen Fall das Kind nach vorne gerichtet in die Trage setzen.  – warum diese Position nicht die erste Wahl sein sollte, dazu in einem anderen Blogbeitrag.

Das Vorne Tragen ist für die Eltern ein großer Genuss und nun plötzlich das Kind am Rücken, weder zu sehen, noch kuscheln zu können, kann als ebenso großer Verlußt für die Eltern empfunden werden.

Mein persönlicher Tipp:

Keine Sorge, es gibt neben dem Rückentragen noch das Tragen auf der Hüfte, mit einer Tragehilfe, mit dem Tuch oder dem Ring Sling.

Am Rücken kann das Kind natürlich mit Tragehilfe und Tragetuch getragen werden.

Man kann dem Kind auch vorne mehr Spielraum bieten, indem sein Arm oben an der Tragehilfe heraus schaut.

Der Schock der Geburt, beim Baby!

Auch schöne, bereichernde Erlebnisse können uns und unsere frisch geschlüpften Küken aus der Bahn werfen!  Immerhin wurde die Geburt auch als Team geschafft.

Das Baby erlebt ganz direkt die körperlichen und psychischen Veränderungen: von absoluter körperlicher Einschränkung (in Mamas Bauch) und uneingeschränkter Nähe, zu null Abgrenzung (nach der Geburt) und dann wieder zur körperlichen Begrenzung, in der Babytrage oder Tragetuch.

Dieser Prozess kann dann schon mal Protest hervorrufen. Schließlich hat sich das Kleine gerade von der Enge in Mamas Bauch freigekämpft.

Mein persönlicher Tipp:

Mama, verzweifle nicht und bewege dich!

Sei es das Tragetuch oder die Tragehilfe, versuche das Kind so schnell wie möglich und so straff wie möglich einzubinden. Notfalls stütze Babys Körper mit den Händen.

Reinsetzen, festziehen und gehen, am besten raus an die frische Luft. Sobald sich die Situation entspannt hat, öffne die Bindeweise und ziehe fest. Ihr beide könnt Euch auch mehr Zeit zum eingewöhnen geben und euch zum Ziel setzen, beim nächsten Mal gleich von Beginn an fester zu ziehen. Das Ziel ist eine aufrechte Haltung des Tragenden, dann ist das Baby auch gut gestützt.

Bonding

Gerade die ersten Momente nach der Geburt sind so wichtig – man hält dieses frisch geschlüpfte Küken in den Armen und verspricht im Stillen, diesem kleinen Wesen:  Sicherheit und bedingungslose Liebe, Vertrauen zu schaffen und Trost zu spenden.

Fehlt diese erste prägende Phase aus irgendeinem Grund, muss man häufig das Verlorene, mühevoll wieder aufbauen. Das war beispielweise auch bei mir und Clara so.

Mein persönlicher Tipp:

Hierbei gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Schritt für Schritt straffer ziehen.
  • Erstmal auf Distanz kennen lernen: zuerst am Rücken Tragen, wenn möglich im Tragetuch, aber auch in der Tragehilfe (vorzugsweiße in einer Halfbuckle),
  • Der Ringsling wirkt nicht so einengend wie das Tragetuch und kann eine wunderbare Basis für die ersten Schritte in der Annäherungsphase sein.
  • Viel Kuschelzeit einplanen und von der Welt erzählen, die Euch umgibt.

Bedürfnis befriedigt

Manche Kinder haben schlicht weg nicht dieses starke Bedürfnis nach Körpernähe und dessen Wärme, Geborgenheit und Sicherheit.

Sie sind selig, wenn sie am Boden spielen können oder im Bettchen schlafen.

Ausnahmen bestätigen die Regel 😉

Mein persönlicher Tipp:

Meiner Erfahrung nach ist das eher die Ausnahme, schon nur aus evolutionären Gründen, denn der Instinkt ist der selbe wie bei einem Steinzeitbaby.

Sollte es aber doch mal vorkommen, dass dieser kleine/r Frau/Mann getragen wird, dann müsste das gestillte Bedürfnis (Vertrauen) schon so stark entwickelt sein, dass das Tragen angenommen werden kann.

Ich bin nicht bereit

Auch wenn wir unser gewünschtes aller Wunschkinder bekommen haben, kann die barrierefreie Nähe in einem Tragetuch oder einer Tragehilfe schlichtweg zu viel sein, uns den Atem rauben. Nur logisch, dass das Kind es auch nicht mag.

Versagen und Zweifel keimen langsam auf, auch wenn wir es nicht zulassen wollen.

Mein persönlicher Tipp:

4x tief durch die Nase einatmen und durch den Mund ausatmen. Der Puls stabilisiert sich und wir können diese negativen Gefühle annehmen und akzeptieren lernen. Babytragen ist eine wunderbare Erfahrung, aber nur wenn sie entlastet, anstelle von belastet. Legt Eure tolle Trage oder super schönes Tragetuch bei Seite und gebt Euch noch etwas Zeit.

Wochenbettdepression

Die Geburt und die anschließende  Zeit ist in unserer Vorstellung eine Zeit von unglaublich viel Glück und Liebe. Natürlich wird es anstrengend sein, dessen ist man sich durchaus bewusst, aber die guten, die schönen Gefühle werden überwiegen. Das sieht man ja bei allen anderen Familien und vor allem bei den Mamis, wie sie Ihr Babys anstrahlen, so muss Glück aussehen.

Dass der Körper und die in der tiefe der Seele verborgenen Gefühle das nicht so sehen könnten, kommt einem gar nicht in den Sinn.

Leere, Trauer, Vorwürfe, Versagen und Wertlosigkeit überschatten dieses wundervolle und gewünschte Ereignis der Geburt und die Zeit danach.

Die mit voller Freude ausgeführten Vorbereitungen und der mit Liebe perfektionierte Nestbau, ergeben sich der körperlich und seelischen Resignation.

Mein persönlicher Tipp:

    • holt Euch Hilfe, Ihr seid nicht allein mit diesem Gefühlen

    • redet darüber und glaubt den Menschen, die Euch lieben, dass Ihr eine gute Mutter seid

    • die unerschütterliche Liebe der Kinder ist euch sicher

    • gebt Euch Zeit

Das Tragen kann Euch dabei helfen, diese Zeit zu überbrücken, wenn Ihr es schafft und wenn nicht, dann habt Ihr noch mindestens 3 Jahre zur Verfügung, dieses Thema, Babytragen, in Angriff zu nehmen.

Manchmal entziehen uns bestimmte Situationen die Kontrolle und man muss von Neuem lernen, damit umzugehen und das kann auch eine Chance sein: Verlorenes kann wiedergefunden werden, Tränen und Trauer, können Lachen und Zufriedenheit weichen; glaubt daran.

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